Evrim Sommer

Macherinnen: Inselgalerie

Frauenprojekte sind in Berlin unverzichtbar. Evrim Sommer besucht Projekte, in denen Frauen durch ihre engagierte Arbeit besonders viel bewegen. Dabei will sie der strukturellen Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft nachgehen und erfahren, wie Frauen dagegen ankämpfen.

Die INSELGALERIE wurde 1993 von Künstlerinnen, Kunstwissenschaftlerinnen und kunstinteressierten Frauen als ihr Ort der Verständigung und Begegnung gegründet. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Kunst von Frauen, ihr Platz in der Kunstgeschichte, ihr Stellenwert im gegenwärtigen Kunstbetrieb und ihre individuellen Schaffensbedingungen.

Über das Gespräch von EVRIM SOMMER (frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE) mit Frauen der INSELGALERIE über ihr Schaffen, über Kunstkritik und Ausstellungspolitik am 26. Januar 2011 berichtet Ina Krauß:


 

Mehr als ein Arbeitsbesuch in der Inselgalerie Berlin-Mitte

Weniger Sonntagsreden für die Kunst

 Von Ina Krauß

"Künstlerinnen in Berlin brauchen eine stärkere Lobby und weniger flotte Sprüche." Mit blitzenden Augen sagt das die Leiterin und Powerfrau der Inselgalerie Berlin-Mitte, Ilse-Maria Dorfstecher. Seit 1993 ist die Kulturnetzwerkerin unermüdliche Vorkämpferin für die Interessen von bildenden Künstlerinnen. "Wir arbeiten ehrenamtlich, machen alles selbst. Das zehrt an den Kräften." Ilse-Maria Dorfstecher nimmt kein Blatt vor den Mund, erklärt nur, warum anlässlich des Arbeitsbesuchs von Evrim Sommer bei den Macherinnen der Inselgalerie der Raum nicht überquillt. Die inzwischen 80jährige Leiterin will sagen, sie sind als gemeinnützige Einrichtung längst an ihren Grenzen angelangt: materiell und physisch. Und das hat mit Berliner Kulturpolitik zu tun. "Sonntagsreden für Kultur kennen wir aus der Berliner Politik zur Genüge. Aber wirkliches Interesse für all die künstlerisch-kreativen Initiativen spüren wir nicht." Resigniert wirkt Ilse-Maria Dorfstecher keineswegs, eher kämpferisch. Aber sie weiß, dass sie, wie so oft in den vergangenen Jahren, immer und immer wieder Klinken putzen muss, damit die Inselgalerie und ihr Konzept wahrgenommen und unterstützt wird.

Dort, wo die Torstraße in Berlin-Mitte noch nicht gentrifiziert, weder attraktiv, kultig noch sexy ist, schlummert hinter großen Fenstern einer Plattenbaufassade ein kulturelles Kleinod: die Inselgalerie Mitte. Seit 2002 hat sie ihr Domizil in der Mitte der Metropole gefunden. Gegründet wurde sie als Projekt der Berliner Fraueninitiative Xanthippe bereits 1993, anfangs um insbesondere ostdeutschen Künstlerinnen Präsentationsmöglichkeiten zu bieten, die ihnen nach den politischen Umbruchsjahren verloren gegangen waren. Längst präsentieren sich Künstlerinnen aus Deutschland, aus Europa und darüber hinaus. Sogar Männer durften im Doppelpack mit Künstlerinnen ausstellen. Fast 500 Künstlerinnen haben in bislang 188 Ausstellungen ihre vielfältigen Themen zur Zeitgeschichte und künstlerisch-kreativen Beiträge öffentlich gemacht: in Malerei, Grafik, Bildhauerei, Objektkunst oder Fotografie. Die Inselgalerie, zumal einzige Frauengalerie in Berlin, ist ein Ort der Begegnung mit Schriftstellerinnen und anderen Künstlerinnen. Hier finden Lesungen und Diskussionen statt, hier wird über Frieden diskutiert und über europäische Identität. Zwei große Ausstellungsprojekte beschäftigten sich mit jüdischer und mit europäischer Identität. "Wir fördern den interkulturellen Austausch, wir widmen uns politischen Themen mittels bildender Kunst", sagt Helga Adler, seit langem ebenso ehrenamtlich in der Inselgalerie engagiert, "aber eine adäquate Unterstützung findet einfach nicht statt."

Das Land Berlin, das sich so gerne seiner Bedeutung als Kulturmetropole brüstet, agiert hasenfüßig. In der Senatsverwaltung für Frauen, wo eine Vielzahl von Frauenprojekten institutionell gefördert werden, zucken die Verantwortlichen mit den Schultern und verweisen auf die kulturelle Zuständigkeit des Regierenden Bürgermeisters. Und dort haben alle seinen Slogan "arm, aber trotzdem sexy" verinnerlicht. Gerade mal 15 000 Euro ist der Staatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten die Unterstützung der Galerie wert. Inhaltliche Arbeit, Ausstellungen zu konzipieren, Künstlerinnennachlässe zu archivieren oder öffentlich zu machen, eine Aufgabe in Kooperation mit der Europäischen Frauenakademie der Künste und Wissenschaften (EFAK), ist damit nicht zu leisten. Das Geld reicht gerade zur Begleichung der Miet- und Energiekosten. Und die ohnehin marginale finanzielle Förderung durch das Bezirksamt Mitte von jährlich 3000 Euro wurde bereits 2011 eingestellt.

So fühlen sich die Macherinnen der Inselgalerie verschaukelt. Denn selbst das, was jahrelang mehr schlecht als recht funktioniert hat, nämlich Frauen aus arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, wie Mitteln des ÖBS, für einen begrenzten Zeitraum der Inselgalerie zur Verfügung zu stellen, ist inzwischen gecancelt. Die Auskunft aus dem zuständigen Jobcenter lautet lapidar, Kultur sei kein Vermittlungsschwerpunkt. "Künstlerisch-kulturelle Aufgaben für eine kulturell interessierte Öffentlichkeit scheinen keinen gesellschaftlich notwendigen Wert zu haben.

"Wir unterstützen Künstlerinnen, indem wir ihnen eine Öffentlichkeit bieten. Wir bewahren das Gedächtnis, indem wir Nachlässe schützen. Wir wollen den Verlust kreativ-geistiger Arbeit von Künstlerinnen verhindern." Ilse-Maria Dorfstecher und Helga Adler werden nicht müde, darauf hinzuweisen und hoffen, dass sie wenigstens eine institutionelle Förderung aus der Kulturverwaltung bekommen können. "Wir wollen, dass es bei den Verantwortlichen ein Umdenken gibt."

Bisher haben die Macherinnen der Inselgalerie zwar immer Lösungen gefunden, haben mit wenig Geld und viel persönlichem Einsatz Ausstellungen realisiert, wofür im männlich dominierten, konventionellen Kunstbetrieb gerne große Budgets spendiert werden. Vielleicht waren die Insel-Galeristinnen zu bescheiden und zu verständnisvoll, wenn andere bekamen, was ihnen vorenthalten wurde. Genügsam wollen und können sie nicht mehr sein.

Evrim Sommer, frauenpolitische Sprecherin der Linken, bestätigt im Gespräch, dass es "skandalös ist, wie Fraueninitiativen, die anhaltend und engagiert Zeugnis über die Kreativität der Stadt geben, ignoriert werden". Sie will den Regierenden Bürgermeister daran erinnern, dass er gern sagt, dass Berlin die europäische Hauptstadt der Kunstproduktion sei, eine pulsierende Metropole, die mit ihrem kreativen Image offen umgeht. Wenn die Verantwortlichen wollen, dass Berlin "reicher wird und sexy bleibt", wie seit neuestem immer wieder verkündet wird, sollten sie ihren Worten Taten folgen lassen.

Wer durch Berlins Mitte schlendert, die Eingangstür der Inselgalerie hinter sich schließt und sich auf die Räume und Kunstwerke einlässt, begreift, dass hier nicht ein kommerzieller Kunstmarkt à la Jonathan Meese oder Gerhard Richter die Regeln bestimmt, obgleich Qualität und Anspruch der hier ausgestellten Kunstwerke von Frauen diesen Regeln gewachsen ist und künstlerisch und kreativ allemal genügt.

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