Rede zur 20jährigen Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul
sehr geehrter Herr Kulturattaché der Türkischen Botschaft, Herr Hüseyin Gazi Cosan,
sehr geehrter Herr Vorsitzender der türkischen Gemeinde, Herr Kolat
meine sehr geehrte Damen und Herren!
Seit nunmehr 20 Jahren besteht zwischen Berlin und Istanbul eine enge Städtepartnerschaft. Beide Städte symbolisieren Metropolen in einer globalisierten Welt. Metropolen mit all ihrer Heterogenität, ihren Widersprüche und soziale Spannungen – aber auch Vorzügen und Möglichkeiten. Das einst geteilte Berlin ist heute eine sich ständig wandelnde Stadt und versteht sich als ein kulturelles Epizentrum Europas. In Istanbul schlägt das wahre Herz der Türkei. Kulturelle Impulse und wirtschaftliche Dynamik zeichnen beide Städte aus. Obwohl sie in ihrer Größe und Geschichte völlig verschieden sind, vereinigen diese beiden Städte Ost und West, den Orient und Okzident. Sie sind Brücken zwischen den Welten.
Die Frage nach einem Warum der Städtepartnerschaft stellt sich gar nicht erst. Es ist unvorstellbar, dass unsere beiden Städte nichts gemeinsam haben sollten. Und nicht erst die Einwanderung aus der Türkei hat Berlin und Istanbul eng miteinander verbunden. Bereits Ende des 19. Jahrhundert baute ein deutscher Architekt namens August Jachmund den Bahnhof im Istanbuler Stadtteil Sirkeci. Ebenso prägten die Türkischen Einwanderer diese Stadt. Mehr als 111.000 Menschen aus der Türkei leben heute in Berlin.
Im Rahmen unserer Städtepartnerschaft wurden die politische und verwaltungstechnische, aber auch und vor allem die kulturelle und künstlerische Zusammenarbeit in den letzten Jahren intensiviert. So wurden Berliner und Istanbuler KünstlerInnen in der jeweiligen Partnerstadt präsentiert. Es gibt Studienaufenthalte von Berliner KünstlerInnen in der Türkei sowie zahlreiche Austauschprogramme für SchülerInnen, StudentInnen und SportlerInnen. Daneben gibt es direkte Städteverbindungen von Berliner Bezirken mit türkischen Kommunen, wie etwa Friedrichshain-Kreuzberg mit dem Istanbuler Stadtteil Kadiköy.
Im Jahr 2006 hatte ich selbst die Möglichkeit mit dem Regierenden Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit und einer Wirtschaftsdelegation nach Istanbul zu reisen. Dabei unterzeichneten Herr Wowereit und der Bürgermeister der Stadt Istanbul Kadir Topba? eine Absichtserklärung zur Intensivierung der städtepartnerschaftlichen Beziehungen. Dieses Jahr reiste der Regierende Bürgermeister Berlins anlässlich des 20. Jubiläums der Städtepartnerschaft an den Bosporus. Sein Besuch war eingebettet in eine umfangreiche Präsentation von Berliner Kultur, Wirtschaft, Kunst, Musik und Lifestyle. Thema der wirtschaftlichen Kooperation waren in diesem Jahr „Erneuerbare Energien“.
Diese intensiven Beziehungen sollen auch in den nächsten Jahren fortgesetzt werden. Wir beabsichtigen im Rahmen des Ausschusses Wirtschaft, Technologie und Frauen in naher Zukunft nach Istanbul zu reisen. Ziel ist der weitere Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen beider Städte. Und – das möchte ich als Frauenpolitikerin besonders hervorheben - natürlich werden wir auch den Erfahrungsaustausch über den Stand und die Entwicklungen im Bereich der Gleichstellung von Frauen fortsetzen.
Aus Anlass des 20jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul haben eine Vielzahl von Initiativen und Institutionen in diesem Jahr ein umfassendes Programm entwickelt, das die Vielfalt und Lebendigkeit der Beziehungen zwischen beiden Städten sichtbar und erlebbar machen sollte. Theatergastspiele, Ausstellungen, Konzerte, eine Filmreihe und ein zivilgesellschaftliches Vernetzungstreffen sowie ein Open Air-Kino und Clubnächte bilden den Kern eines Berliner Frühlingsfestivals in Istanbul. Im Juni präsentierte das Festival „Beyond Belonging Almanc? - Deutschländer!“ neue Impulse im Bereich von Theater und Migration aus Berlin. Die sogenannten „Berlin-Days“ zum Abschluss dieser Veranstaltung schlugen dabei einen Bogen zu einem weiteren Jubiläum, nämlich dem des Mauerfalls vor 20 Jahren. Künstler der letzten 10 Jahre des Berliner Istanbul-Stipendiums waren in Istanbul in einer Ausstellung zu sehen, diese kam später nach Berlin. Ein besonderes Highlight des Kulturprogramms war auch das Konzert „Young Euro Classic“ des Jugendorchesters Berlin-Istanbul am Bosporus.
Sehr geehrter Herr Botschafter,sehr geehrter Herr Kulturattaché der Türkischen Botschaft, Herr Hüseyin Gazi Cosan,
sehr geehrter Herr Vorsitzender der türkischen Gemeinde, Herr Kolat
meine sehr geehrte Damen und Herren!
Dieses Jubiläum gibt uns auch die Möglichkeit über Probleme in unseren beiderseitigen Beziehungen nachzudenken. Zu oft ist das Denken an die anderen noch von Vorurteilen geprägt. Und auch von der Politik ist hier noch vieles zu leisten. Denn immer noch haben die Kinder und Enkel der türkischen Migrantinnen und Migranten der 1. Generation in Berlin an den Folgen einer jahrzehntelangen verfehlten deutschen Integrationspolitik zu leiden. Diese hat dazu geführt, dass viele der türkischen Migrantinnen und Migranten sowohl von der politischen Partizipation ausgeschlossen waren und sind als auch eine umfassende soziale Integration nicht erfolgen konnte. Dabei wurden vielen Einwanderern grundlegende Rechte, wie passives und aktives Wahlrecht, Zugang zu öffentlichen Ämtern und Arbeit vorenthalten. Das führte unter anderem zu einer ethnischen Segmentierung in diesem Land und dazu, dass Menschen, die hier geboren sind oder seit vielen Jahren hier leben, nicht als Teil dieser Gesellschaft und Kultur akzeptiert wurden. Leider gibt es unter anderem auch von einem ehemals hochrangigen Politiker des Landes Berlin dazu wenig Konstruktives zur Bekämpfung von Ursachen, sondern lediglich sozialchauvinistische und rassistische Pauschalpolemik gegenüber den Opfern dieser, auch seiner Politik. Auf diese Weise wird das gegenseitige Vertrauen beschädigt, dass in 20 Jahren Arbeit erreicht wurde.
Auf der anderen Seite strebt die Türkei die Aufnahme in die EU an. Der neueste Bericht der EU-Erweiterungskommission würdigt das Einleiten von Reformen in der Türkei. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auch bei der politischen Lösung des Konfliktes mit Armenien und der Kurdenfrage gibt es Bewegung. Ministerpräsident Erdogan hat mit seiner Initiative zu einer politischen Lösung hier mit einem jahrelangen Tabu gebrochen. Besonders erwähnen möchte ich hier auch, dass im Januar dieses Jahres dem Begründer der modernen türkischen Lyrik und einem der bedeutendsten türkischen Poeten – Nazim Hikmet – die türkische Staatsangehörigkeit postum zurückgegeben wurde. Der zu Lebzeiten ausgebürgerte Dichter starb 1963 im Exil. Das alles sind viele gute Schritte, die nicht zuletzt auch ein Resultat eines auf gegenseitigem Respekt bauenden Dialogs sind.
Aber - es sind noch viele weitere Schritte notwendig - auf beiden Seiten! Ich hoffe, dass die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Istanbul von jenem Leitbild getragen wird, wie es Nazim Hikmet in einem Vers aus dem Gedicht „Davet“ – das heißt übersetzt „Einladung“ – formuliert hat:
Leben wie ein Baum
einzeln und frei
und brüderlich
wie ein Wald
das ist
unsere Sehnsucht!
sehr geehrter Herr Kulturattaché der Türkischen Botschaft, Herr Hüseyin Gazi Cosan,
sehr geehrter Herr Vorsitzender der türkischen Gemeinde, Herr Kolat
meine sehr geehrte Damen und Herren!
Abschließend möchte ich mich für die Einladung zu dem folgenden Konzert und der Möglichkeit hier ein Grußwort halten zu dürfen, bei den Förderern und OrganisatorInnen der Konzertreihe, insbesondere der DORIAN-Stiftung bedanken. Ich wünsche den Künstlerinnen und Künstlern viel Erfolg und uns einen wunderschönen Abend bei klassischer Musik.



