Rede zum Auftakt der der Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz“
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer der Kampagne „125. Jahre Berliner Afrika-Konferenz: erinnern, aufarbeiten, wiedergutmachen“, liebe Anwesende,
Die Berliner Afrika- oder Kongokonferenz, deren Beginn sich am heutigen Tage zum 125sten Male jährt, ist eines der historischen Ereignisse, welches nicht erst durch die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des „Mauerfalles“ überlagert, marginalisiert oder ganz vergessen wird.
Die mit dieser Konferenz manifestierte Aufteilung und Ausbeutung Afrikas, die für Millionen Menschen die völlige Entrechtung, Entwürdigung, Sklaverei, Ausbeutung und den Tod bedeuteten und deren Folgen bis heute in strukturellem und latentem Alltagsrassismus, in ungerechten Wirtschaftsstrukturen, in Unruhen und Kriegen zu spüren und zu sehen sind, werden im gesellschaftlichen und politischen Diskurs kaum bis überhaupt nicht wahrgenommen.
Immer, wenn es wie hier, um die dunklen Kapitel deutscher Geschichte, um Erinnerung, Aufarbeitung und vor allem, wenn es um Wiedergutmachung geht, scheint bei vielen Deutschen ein Gedächtnisverlust oder ein Abwehrverhalten einzusetzen. Und das – obwohl - oder gerade weil die einstigen Kolonialmächte bis heute ihre politische, ökonomische und militärische Vormachtstellung mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln nutzen, um den Status Quo aufrecht zu erhalten und ihre eigenen Interessen auch zum Nachteil Anderer durchzusetzen. Dabei ist natürlich historische Verantwortung nur hinderlich.
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Anwesende,
Am 15. November 1884 trafen sich auf Einladung des Deutschen Reiches und der Französischen Republik die damaligen Großmächte, um den größten Teil eines ganzen Kontinents unter sich aufzuteilen. Ziel war eine effektivere Aufteilung und Ausbeutung Afrikas, die so heftige Debatten auslöste, dass das Schlussdokument, die "Kongo-Akte" als "Scramble for Africa" übersetzt "Wettlauf um Afrika" in die Geschichtsbücher einging. Dabei wurden die meisten Grenzen kurzerhand mit einem Lineal gezogen und völlig willkürlich neu festgelegt - ohne, dass die Lebensräume oder –bedingungen der dort lebenden Menschen eine Rolle spielten. Die Auswirkungen waren und sind verheerend und dieser sogenannte Wettlauf dauert bis heute an, wenn auch mit anderen Methoden und Mitteln.
Auch 125 Jahre nach der so genannten Kongokonferenz wird immer noch versucht die Rolle des Deutschen Reiches bei der Kolonisierung Afrikas in Vergessenheit geraten zu lassen oder zumindest zu verharmlosen, nicht zuletzt mit dem Verweis auf einen verhältnismäßig kleinen angeblich unbedeutenden Kolonialbesitz Deutschlands.
Doch wir sind hier, weil wir nicht vergessen haben, mit welchen brutalen Folgen die deutsche Kolonialherrschaft für diese Menschen verbunden war. Prügelstrafen, Menschen- und Ressourcenraub, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigungen, und Völkermord kennzeichneten die folgende dreißigjährige Herrschaft des deutschen Kolonialismus.
Und - wir sind hier weil nicht hinnehmen wollen, dass sich die Verdrängung oder Verharmlosung der deutschen Kolonialgeschichte heute noch in den verschiedensten Bereichen niederschlägt. So u. a. in der Migrationsforschung durch die Ausblendung der Tatsache, dass die Einwanderung nach Deutschland und die damit einhergehende Migrationspolitik nicht erst in den fünfziger Jahren sondern schon im 19. Jahrhundert begonnen hat. In der Flüchtlingspolitik durch rassistisch motivierte Repressionsmaßnahmen wie der Residenzpflicht und einer Lagerähnlichen Unterbringung oder im Kampf um Bürgerrechte für afrikanische Flüchtlinge in Deutschland. Und nicht zuletzt in strukturellem wie auch latentem Alltagsrassismus.
Dabei betone ich: wir stehen hier nicht als Bittsteller – sondern wir stehen hier, um nicht nur berechtigte sondern längst überfällige Forderungen zu stellen.
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Anwesende,
Auch Berlin muss seiner Verantwortung als ehemalige Hauptstadt des Deutschen Kolonialreiches, Gastgeberin und Ausrichterin der Afrika- bzw. Kongokonferenz bei der Erinnerung und Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit stärker gerecht werden. Dieses Fazit ergibt sich für mich nicht nur aus den Antworten auf meine vor kurzem gestellten kleinen Anfragen betreffs des Umganges mit dem 125. Jahrestag der Afrika-Konferenz.
Es ist auch ein Ergebnis der Diskussionen um die Rückgabe von zweifelhaft erworbenen Kulturgütern, die noch heute, wie selbstverständlich, als Teil des eigenen Kulturbesitzes betrachtet werden. Diese Debatte, wie auch die öffentliche Auseinandersetzung über Forderungen nach Reparationsleistungen, wie Namibia sie beispielsweise an die BRD stellt, bedarf der Fortsetzung und Intensivierung und auch Berlin muss seinen Beitrag dazu leisten. Über die Ablehnung eine Bundesratsinitiative durch Berlin für ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer von Sklaverei, Sklavenhandel, der Kolonisierung und von Rassismus zu initiieren, neu nachzudenken und Gespräche mit den entsprechenden Initiativen zu suchen, wäre ein nächster Schritt in die richtige Richtung.
Denn - niemand kann sich seiner historischen Verantwortung entziehen, in dem er diese an die Bundesregierung weiter delegiert und die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe Deutschlands und der damit verbundenen besonderen Rolle Berlins nicht als originäre Aufgabe eines Bundeslandes ansieht. Dieser Ansatz führte offensichtlich dazu, dass die Überlegungen der zuständigen Stellen im Senat zu eigenen aber auch zur personellen bzw. finanziellen Unterstützung geplanter Aktivitäten außerparlamentarischer Initiativen, wie auch die Zusammenarbeit mit Ihnen anlässlich des 125. Jahrestages der Berliner Afrika-Konferenz bisher nichts Konkretes hervorgebracht bzw. nicht stattgefunden haben.
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Anwesende,
Hier bedarf es eines grundlegenden Wandels im Umgang mit dem kolonialen Erbe Deutschlands, aber auch Berlins. Wer wirksam zum Abbau von strukturellem, wie auch latentem Alltagsrassismus beitragen will, muss historische Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit übernehmen.
Danke



